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NZZ-Kolumne: Büroskop

Der Held im Büro

Der Mitarbeiter in einer Beratungsfirma kümmerte sich in erster Linie um seine Karriere. Die inhaltlichen Aspekte seiner Arbeit schob er, so gut es ging, beiseite. Gleichzeitig liess er es sich aber nicht nehmen, Kollegen auf Fehler aufmerksam zu machen und ihnen zu erklären, wie sie ihren Job besser und effizienter erledigen könnten. Zudem versandte er bevorzugt jeweils am Wochenende Outlook-Einladungen für frühmorgendliche Sitzungen, um dann kurzfristig «wegen eines wichtigen Kundentermins» seine Teilnahme wieder abzusagen. Gerne schaltete er sich auch in Diskussionen ein, um ungefragt eine seiner Heldengeschichten einzubringen. Jüngst erzählte er in einer Runde, wie er einen wichtigen Kunden, der abspringen wollte, in letzter Minute umgestimmt hatte. Leider habe sich sein grosses Geschick noch nicht bis zur Chefetage herumgesprochen, sonst müsste er wohl einiges mehr auf dem Lohnzettel haben, sagte er lachend. Einige Kollegen stimmten verhalten in sein Gelächter ein, andere nickten etwas bemüht. Denn sie erinnerten sich nur allzu gut an seine letzte Heldengeschichte. Vor einigen Tagen war er «einem grossen Bock» in der Buchhaltung auf die Spur gekommen. Es sei ihm unverständlich, wie diese Ungeheuerlichkeit so lange habe unbemerkt bleiben können, hatte er den Kollegen unter die Nase gerieben.

Sein Lieblingsthema aber war «sein Projekt». Die Kollegen verdrehten nicht selten die Augen, wenn er über «Quantensprünge» und «ambitionierte Ziele» referierte. Bei ihnen konnte er damit zwar nicht punkten, dafür gefielen sie seinem Vorgesetzten umso mehr. Dieser störte sich offenbar nicht daran, dass sich der Mitarbeiter als grosser Zampano aufspielte. Im Gegenteil: Er traute dem «Leistungsträger», wie er ihn nannte, viel zu. Dabei fiel ihm auch nicht auf, dass der Angestellte wenig Inhaltliches zum Projekt beitrug, sondern vor allem damit beschäftigt war, die Lorbeeren für die von den Kollegen getane Arbeit zu ernten.

Als der Chef ihn ins Büro zitierte, ahnte er nichts Böses und stellte dann erstaunt fest, dass dieser ziemlich schlechte Laune hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Excel-Sheet mit Zahlen zum Projekt. «Wie ist es möglich, dass so viel Geld verbrannt wurde? Ich verlange nach Erklärungen», sagte der Vorgesetzte. Der Mitarbeiter sprach zuerst über notwendige und wichtige Investitionen, ohne die das Projekt nicht zum Abschluss gebracht werden könne. Doch der Chef liess nicht locker, und so begann der Mitarbeiter über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der anderen Abteilungen zu klagen. Die Kosten wären zudem viel höher ausgefallen, wenn er nicht höchstpersönlich ein besonderes Augenmerk darauf gelegt hätte. Dutzende Male habe er die Kohlen aus dem Feuer geholt, führte er aus. Ein anderer hätte dieses komplexe Projekt längst an die Wand gefahren. Der Vorgesetzte gab sich damit nicht zufrieden und runzelte die Stirn. Daraufhin begann der Mitarbeiter die Korrektheit der Zahlen anzuzweifeln, um sogleich auf seine Geschichte zum Thema Buchhaltung zu sprechen zu kommen. Einige Minuten später hellte sich die Miene des Chefs auf. «Jetzt verstehe ich. Du brauchst mehr Freiheit, um dein Potenzial zu entfalten», sagte er. «Dein Kommunikationstalent und deine Macherqualitäten sollten stärker gefördert werden.» Der Mitarbeiter nickte und lächelte zufrieden. Dann fuhr der Vorgesetzte fort: «Leider können wir dir derzeit keine deinen Fähigkeiten entsprechenden Karriereperspektiven bieten.» Gerade jüngst habe er aber vernommen, dass eine Konkurrenzfirma Personal rekrutiere. «Sie suchen genau solche Leistungsträger wie dich», sagte er und gab ihm den Tipp, sich gleich zu bewerben.

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Beitrag von: Natalie Gratwohl, Journalistin | Copyright NZZ | alle Rechte vorbehalten
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